… Und es trug sich zu einige Jahre zuvor, an Weihnachten in meinem zweiten (Katzen-)Leben …
„Oh, ich bin so aufgereeeegt!”, rief meine Tochter heute beim gemeinsamen Frühstück aus. “Weswegen denn?”, fragte ich ahnungslos zurück. “Na wegen Weihnachten”, sagte sie. “Achso. Da bist du jetzt schon aufgeregt? Das ist doch erst in drei Tagen”, antwortete ich gelassen. “Ja, aber ich kann es kaum erwarten. Bist du denn NICHT aufgeregt?”, fragte sie zurück. “Nee”, entgegnete ich. “Wenn man älter wird, geht die Aufregung immer mehr zurück.”
Schade eigentlich. Warum ist das so? Ein bisschen beneide ich sie um ihre Gefühle. Dieses Kribbeln im Bauch, wenn man an die Geschenke denkt, an die Stimmung unterm Weihnachtsbaum und den Zauber, der in der Luft liegt, “kurz bevor der Weihnachtsmann kommt”.
Aber ich spüre ihn nicht mehr. Irgendwie ist er mir abhanden gekommen inmitten vom Straucheln in Prüfungssituationen, Zweifeln über beruflichen Zielen, Alltagsstress und Kinderkacke.
Da bin ich nicht die Einzige. Ich kenne viele Menschen, denen es genauso geht wie mir. Meiner Freundin, meinen Geschwistern und vielen anderen …
Ich frage mich, wie wir ihn zurückholen können, den Zauber. Und ob das überhaupt möglich ist. Oder ist er nur den Kindern vorbehalten?
Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn wir alle ein bisschen auf die Bremse drücken würden. Es ein wenig langsamer angehen lassen. Nicht mehr jede Sehnsucht in uns zu stillen versuchen.
Ein Freund sagte mir vor einer Weile: “Du musst ruhiger werden.” Ich dachte mir in dem Moment nur: “Ja, nur weil DU es ruhiger angehen lässt, muss ich es dir doch nicht gleichtun.” Aber jetzt verstehe ich es. Ich war rastlos und unersättlich, wollte alles mitnehmen und merkte nicht, dass ich schon längst überfüllt war. Mit Dingen, die ich vielleicht gar nicht brauchte.
Es ist, als würde man auf der Autobahn fahren mit 200 Sachen, nur um fünf Minuten mehr Zeit zu haben. Oft für unnütze Dinge. Dabei zieht die Landschaft so schnell an einem vorbei, dass man nichts von ihr mitbekommt. Es geht nur um schneller, höher, weiter.
Wenn ich das mit den Eindrücken vergleiche, die man bei einem Spaziergang gewinnt, ist das was völlig anderes. Man hat Zeit, die Dinge wirklich zu sehen, zu beobachten, was um einen herum geschieht. Die Seele füllt sich dann leichter mit Schönem. Wohingegen bei einer rasanten Autofahrt nicht so viel an Eindrücken hängenbleiben kann. Das Innere bleibt eher leer.
Und so ist es wohl auch mit dem Tempo im eigenen Leben. Ich überlege, ob Kinder auch das Gefühl von innerer Leere kennen. Oder ob sie es noch gar nicht haben können. Es sei denn, sie werden schon früh auf die Autobahn geschickt.
Ich habe gelesen, dass die Sehnsucht Blume und Stachel zugleich ist, weil sie uns antreibt, nach Höherem zu streben, um das Ideal zu erreichen, das sie uns vorgibt. Und es stimmt, dadurch erreichen wir viele unserer Ziele. Aber die Wahrheit ist, wie wir ja eigentlich alle schon wissen, dass wir „dieses Ideal“ nie erreichen werden.
Weil der Ort, an dem wir ankommen wollen, vielleicht gar nicht der ist, der uns wirklich glücklich macht. Weil nichts perfekt ist in unserem Leben, zumindest nicht so wie wir es uns manchmal vorstellen. Wahre Schönheit liegt tatsächlich gerade im so viel gepriesenen Unperfekten. Aber dafür muss man mit anderen Augen sehen. Und dann erkennt man, was Perfektion wirklich bedeutet. Und dass für den perfekten Augenblick nichts perfekt sein muss …
Es ist fast so, als ob die Sehnsucht uns zum Narren hält. Immer wenn die Dinge, nach denen wir uns sehnen, in greifbare Nähe gerückt sind und wir die Hände nach ihnen ausstrecken, machen sie einen Satz nach vorn und rufen “Ellebätsch!”
Irgendwie sehen die Dinge dann auch nicht so aus, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Das Hotelzimmer, das auf dem Foto so stylisch war und vor Ort einfach nur ein nüchterner Raum ohne Atmosphäre ist. Das Kissen, das im Einrichtungsgeschäft perfekt mit dem Rest der Deko harmonierte und zu Hause einfach nur fehl am Platz wirkt. Der Mensch “mit Ecken und Kanten”, der nicht zu unserer Vorstellung von Liebe passen will.
Weil wir nicht mit den “richtigen” Augen sehen. Mit unseren Augen. Mit den Augen unserer Seele. Denn ihr geht es nicht um Perfektion, nicht auf die „gewohnte“ Art. Für sie sind die Dinge vollkommen, so wie sie sind.
In “Sehnsucht” steckt auch das Wort ‘Sucht’. Das beschreibt ganz gut, wie es sich anfühlt, ständig nach etwas zu greifen, was wir nie erreichen werden.
Die kindliche Welt ist noch nicht so groß wie die unsere. Klar haben Kinder auch Sehnsüchte. Und das immer mehr. Aber ihre Welt ist noch nicht so überfrachtet. Sie sind noch empfänglich für die kleinen Dinge am Wegesrand
Was ist passiert zwischen dem Kindesalter und dem Alter, in dem ich mich jetzt befinde? Ich ahne, dass darin wohl die Lösung für das Wiederfinden des Zaubers liegt. Wie sind wir hierhin gekommen, wo wir nun diese innere Leere spüren?
Wir haben vergessen, worum es an Weihnachten geht. Wir sind gestresst davon, noch dieses oder jenes erledigen und besorgen zu müssen. Gerade an Weihnachten fühlt es sich besonders schlimm an. Warum?
Weil wir gerade dann unsere große Sehnsucht spüren.
Die Wahrheit ist auch, dass wir die Sehnsucht brauchen. Sie gehört zu unserem Leben dazu. Das merken wir, wenn wir gerade etwas für uns Wichtiges im Leben erreicht haben. Im einen Moment sind wir glücklich und im anderen beginnen wir, uns wieder nach etwas Neuem, dem nächsten Ziel zu sehnen. Fangen an, der nächsten Sehnsucht hinterher zu jagen.
Wenn wir akzeptieren, dass sie da ist und ihren Platz in unserem Leben hat, brauchen wir uns nicht zu sorgen, wenn wir uns leer fühlen. Das ist in den meisten Fällen nur vorübergehend.
In dem Film “Take This Waltz” von Sarah Polley sagt Geraldine, die Schwägerin der Protagonistin Margot: “Es gibt bei jedem von uns im Leben mal ein Loch. Geh nicht gleich los und stopf es mit unnützem Zeug.”
Dieses Loch, dieses Gefühl der Leere auszuhalten und für einen längeren Moment lang hinzusehen und hinzufühlen, ist vermutlich eine der schwersten Aufgaben im Leben. Möglicherweise aber auch eine der lohnendsten.
Vielleicht ist das der Moment, in dem wir uns am ehesten einlassen können auf den Zauber, den wir so sehr vermissen. Vielleicht müssen wir erst ganz leer sein, um ihn wirklich aufnehmen und spüren zu können.
Und dann kann er kommen, der Zauber des Moments, der Stille, des Anfangs und des Neubeginns. Und vielleicht ist er dann ganz anders als du denkst …

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