Während ich auf dem Indoor-Bike sitze, schaue ich aus dem Fenster auf den Parkplatz des Supermarkts. Eine rote Lache mit Scherben lacht mich an und ich muss schmunzeln, denn das, was ich sehe, ist mein Werk von gestern. Nach dem Training hatte ich Zutaten für Gnocchis mit Tomatensoße gekauft. Und irgendwie hab ich es geschafft, beim Verlassen des Supermarkts das Glas mit der Soße neben meinem Auto fallen zu lassen.
Seit dem ersten Montag im März bin ich in der ambulanten Reha. Ein neuer Abschnitt beginnt also auch in diesem Bereich. Eine neue Umgebung, neue Menschen, neue Therapeuten und Trainer. Neue Übungen und Behandlungen. Noch immer darf ich nicht Fahrrad fahren. Mein Knöchel ist noch zu instabil. Stattdessen putze ich den Boden. Eine Fitnessübung mit dem TRX Suspension Trainer soll weiterhin die Balance fördern und meine Beinmuskeln stärken. Nach vier Tagen Training kann ich kaum noch laufen und mein Hintern tut weh. Lol …
Und wieder werde ich an eine Szene aus „Karate Kid“ erinnert. Daniel-Son muss zur Vorbereitung auf den Kampf den Boden schleifen und polieren. Ich mache es ihm nach und rutsche auf einem Bein in den Ausfallschritt, während das andere Bein die Stellung ausbalanciert. Dabei halte ich mich an Gurten fest, die von der Decke hängen. Während ich rutsche, schiebe ich einen grünen Filzlappen unter meinem Schuh hin und her. Das ist das Schleifen. Und danach muss ich putzen, äh … polieren. Nämlich die Griffe von dem Trainingsgerät … mit Desinfektionsmittel.
Heute habe ich Krankengymnastik und die Therapeutin fragt mich, ob ich schon einmal geschröpft wurde. Ahahaha, ja schon mehrmals, aber vom Finanzamt … Sie meint natürlich eine Behandlung. Eine, bei der verklebtes Gewebe auseinander gerissen wird. Mein Fuß schmerzt seit meinem neuen Trainingslager und ich frage mich, ob es nicht besser wäre, wenn sich die Muskeln zwischendurch einen Tag erholen könnten. Ich liebe es, mich zu bewegen, aber das Pensum hier ist schon ganz ordentlich. Ich fühle mich wirklich, als solle ich für den nächsten Karate-Wettkampf gestählt werden.
Nebenan entwickelt sich gerade ein Gespräch zwischen einem der Therapeuten und einer älteren Dame. „Heute habe ich mich gar nicht für Sie angezogen“, sagt sie zu ihm und er antwortet schnell: „Frau Z, das können wir so nicht sagen. Sonst denkt man ja, wir treiben hier hinter dem Vorhang sonstwas!“ Ha, da haben wir sie sie wieder, die Nacktheit in meinem Essay.
Ich bin dankbar für all die Behandlungen, die ich seit meinem Beinbruch bekommen habe. Die Lymphdrainage, die die Schwellung in meinem Bein beseitigt hat. Die Narbenbehandlung, durch die meine Haut an der Stelle des Beinbruchs wieder flexibel geworden ist. Manchmal vergesse ich doch glatt, dass ich mir vor sechs Monaten das Wadenbein zweifach gebrochen hatte. Wie schnell man in der Lage ist, sich auf immer wieder neue Umstände einzustellen, ist schon faszinierend. Ich kann nun die Titanplatte und die Schrauben unter meiner Narbenhaut deutlich spüren. Ein komisches Gefühl, diese Fremdkörper im Bein zu haben. Im November diesen Jahres werden sie endlich entfernt. Eine weitere OP, aber diesmal weitaus weniger aufwendig und ich weiß nun, wie es sich anfühlen kann.
All die Gespräche mit den Ärzten und Therapeuten, die mich behandelt haben, waren so heilsam wie die Behandlung selbst. Jeder von ihnen brachte seine eigene Sichtweise und Methode mit ein. Auch das hat mich geformt und zum Nachdenken gebracht. Die Physiotherapeuten beseitigten auch Blockaden in meinem Körper, die durch den Unfall entstanden waren. Das Geräusch, das beim Herausploppen der Blockade zu hören war, mutete ziemlich seltsam an. Zeitgleich löste ich meine inneren mentalen Blockaden, was nicht immer angenehm war. Viel alte Energie, die sich in meinem Körper angesammelt hatte, durfte nun gehen. Mit jeder Lösung fühlte ich mich freier und klarer.
Aber es waren nicht nur die Therapeuten selbst, die mir Impulse und Inspiration gaben. Auch die Patienten, die sich mit mir gemeinsam auf ihrem Heilungsweg befanden, hatten Einfluss auf meine Entwicklung. Manche traf ich sogar zufällig wieder, als ich meine Anschlussuntersuchungen im Krankenhaus wahrnahm. Die liebe Omi, mit der ich Telefonnummern im Krankenhaus ausgetauscht hatte, saß plötzlich im Wartezimmer des Durchgangsarztes. Natürlich war das kein Zufall. Auch wir sind durch unsere gemeinsamen Erlebnisse verbunden. Ich erfuhr, dass sie noch zwei weitere Aufenthalte im Krankenhaus über sich ergehen lassen musste. Und man sah es ihr nicht an. Wahrscheinlich ist sie auch eine Löwenmutter.
Zwei Monate bin ich nun schon in der ambulanten Reha und was sich am Anfang noch ungewohnt anfühlte, wurde bald zur Routine. All diese neuen Übungen bringen Leben in meinen Körper und signalisieren den baldigen Wiedereinstieg in den „gewohnten“ Alltag. Während des Trainings kann ich lustige Dinge beobachten. Das Rehazentrum ist ein spannendes Sammelsurium verschiedenster Typen von Menschen und Situationen, die zu Persönlichkeitsstudien einladen.
Eine Frau putzt immer ausgiebig das jeweilige Trainingsgerät vor der Benutzung. Auch Fensterbrett und Fußboden werden nicht ausgespart. Eine andere Patientin hat immer etwas zu reklamieren vor jeder neuen Übung. Sie scheint unsicher zu sein und tarnt es mit Angriff. Der Therapeut ist sehr geduldig mit ihr und das hilft ihr, sich zu entspannen.
Auf den Gängen laufen Männer mit Schubkarren voller Sand und mit Steinen beladenen Eimern herum. Einer spielt mit Klammern an einer Schnur. Es gibt sogar eine Dartscheibe. Wie sich herausstellt, sind das alles Übungen, die auf den Arbeitsalltag vorbereiten sollen, auch Arbeitstherapie genannt. Die Reha stellt wirklich ein eigenartiges Biotop dar, aber ich mag es zunehmend.
Am schönsten sind die Momente, in denen ich mich in der Wärmetherapie befinde. Mein Fuß ist eingepackt in ein dickes erwärmtes Kissen, während ich auf einer Liege wie am Strand vor mich hindöse und in Parallelwelten entschwinde.
Vor ein paar Wochen hatte ich erneut eine Begegnung mit einer älteren Dame. Sie wirkte etwas verzweifelt und bat mich um Hilfe. Sie konnte ihren Spind nicht öffnen aufgrund ihrer geschwollenen Hände, verursacht von Arthrose. Als ich das Problem gelöst hatte, war sie sehr erleichtert und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass ihr Mann vor einigen Jahren gestorben war und dass sie ihre Trauer noch nicht verarbeiten konnte.
Als ich sie fragte, ob sie sich erlauben könne, glücklich zu sein, meinte sie: „Ich weiß, was Sie meinen. Aber das ist nicht für mich.“ Sie sagte, sie hätte das Gefühl, ihren verstorbenen Mann zu hintergehen, wenn sie diesen innerlichen Schritt gehen würde. Sie wisse nicht, wie sie sich aus diesem Dilemmna befreien könnte. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile und auch mit ihr tauschte ich Telefonnummern aus. Haha, wie es scheint, habe ich eine Verbindung zu älteren Damen.
Vorgestern hatte ich wieder einen Termin beim D-Arzt und wurde nun offiziell „gesund geschrieben“. Er bot mir noch weitere Physiotherapie-Behandlungen an. Doch ich lehnte dankend ab, weil ich meinen Kalender nicht mit zu vielen Terminen zupflastern wollte. Der reinste Luxus also, diese Behandlungen nicht anzunehmen. Ich könne aber jederzeit wiederkommen, wenn ich Bedarf habe, meinte der Arzt.
Nun erobere ich tatsächlich wieder die Straßen von Leipzig als Fahrradkurierin. Wenn ich am Rehazentrum vorbeifahre, blicke ich nach oben zu dem Fenster, aus dem ich vor Kurzem noch herausgeschaut hatte, während ich auf dem Heimtrainer saß. Ich sehe die Welt nun wieder von der anderen Seite. Aber es ist nicht mehr die selbe. Denn ich schaue anders auf sie und demzufolge erscheint sie mir auch anders. Ihre Reflexion zeigt mir nun die innere Wandlung, die ich während der letzten Monate gemachte habe.
Ich bin nun ein Schmetterling geworden. Das Stadium der Metamorphose ist vorbei. Die Raupe, die sich einst im Gewächshaus verpuppt hatte, ist nun wie verwandelt und kann fliegen. Aus der Perspektive des Schmetterlings fühlt sich alles leicht, frei und unbeschwert an. Ich kann einen Schritt zurücktreten und die Dinge mit Abstand betrachten. Sie triggern mich nicht mehr oder nur noch wenig. Ich weiß, es sind alles Reflexionen von mir und zeigen mir nur meine ganz eigene Sicht auf alles, was mich umgibt.
„When you change the way you look at things, the things you look at change“ ist ein berühmtes Zitat des Physikers Max Planck, dem Begründer der Quantenphysik. Nun weiß ich, was er damit gemeint hatte. Ich verstehe es immer mehr und es eröffnet mir eine ganz neue Welt voll von unendlichen Möglichkeiten. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag …
Jede Phase im Leben, durch die wir gehen, hält Weisheiten für uns bereit. Wenn wir das Leben als ein großes Spiel betrachten, durch das wir neue Erfahrungen machen und uns weiterentwickeln, brauchen wir nicht im Leiden hängenbleiben. Moment für Moment erleben wir, was es heißt, Mensch zu sein. Mit den Augen eines staunenden Kindes alles zu entdecken und alles zu fühlen, was es zu fühlen gibt. Sich immer wieder neu zu erfinden, wenn wir merken, dass unsere Haut zu eng geworden ist und wenn wir spüren, dass sich nun ein neuer Abschnitt in unserem Leben entfalten möchte.
Kann ich mir erlauben, glücklich zu sein? Aber ja – dafür bin ich doch hier. Um mich glücklich und ganz zu fühlen. Und so war ich es auch schon von Beginn an, als ich auf die Welt gekommen bin. Ich hatte es nur manchmal vergessen.
Apropo entfalten. Ich habe erfahren, dass die Phase, wenn der Schmetterling sich aus der Schale befreit, sehr bedeutsam ist für die Stärke seiner Flügel. Die Kraft, die er aufwenden muss, um aus der Schale herauszukommen, bringt die Flügel erst in den stabilen Zustand, in dem sie in der Lage sind, den Flug zu meistern.
Wenn wir also struggeln mit diesen Übergangsphasen, in denen wir merken, es bahnt sich etwas Neues an, aber das Alte ist noch nicht vergangen, dann können wir uns an den Schmetterling erinnern und wissen, dass wir aus diesen Phasen unsere größte Stärke ziehen können. Aus den Momenten, in denen wir oft aufgeben wollen, weil wir noch nicht sehen können, ob wir unser Ziel erreichen. Doch das Universum hält uns immer den Rücken frei. Es weiß schon vorher, dass wir fliegen werden. Darauf können wir vertrauen.
Und was ist mit dem Ei, das Risse bekommen hatte? Ich spüre, das sich hinter der Schale wundervolle Dinge entwickeln und bald werde ich auch sehen, was sich dahinter verbirgt. Ich bin mir sicher – es wird wunderschön sein.

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