Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Essay so schreiben soll. Normalerweise formen sich über einen gewissen Zeitraum ein paar Ideen in meinem Kopf und dann will der neue Beitrag raus. Dann ist er bereit, um geboren zu werden. Dieses Mal kam immer wieder etwas dazwischen. Bis ich mich endlich hingesetzt und angefangen hatte, ihn zu schreiben. Doch ich konnte den Essay nicht wie sonst in einem Guss fertig stellen. Inzwischen weiß ich warum.
Meine Mutter ist gestorben …
Es geschah genau an dem Tag, an dem ich den Beitrag verfassen wollte. Und es fällt mir wirklich schwer, diese Worte in mein Laptop zu tippen. Denn indem ich das mache, muss ich die Wahrheit anerkennen. Schwarz auf weiß und unwiderruflich.
Es ist jetzt fast eine Woche her. Sie ist an einem Sonntag „nach Hause gegangen“ …
Irgendwie hatte ich es geahnt. Ihr gesundheitlicher Zustand hatte sich in den letzten Wochen verschlechtert. Untersuchungen und eine OP standen an. Trotzdem war sie optimistisch und nicht bereit, aufzugeben. Sie war noch immer in ihrer Heldinnen-Energie. Auch wenn sie zunehmend vergesslicher wurde und unsere Namen verwechselte. Ihren Humor wollte sie dennoch behalten.
Das Telefonat, in dem ich von ihrem Tod erfahren hatte, war ein sehr trauriges. Erst langsam sickert es in mein Bewusstsein, was das alles wirklich bedeutet. Keine Umarmungen mehr, kein Lachen mehr mit ihr, keine langen Anrufe, bei denen wir uns wieder nicht verabschieden können. Die Traurigkeit kommt in Schüben und mit jeder Erinnerung an sie.
Dennoch, es geht mir genügend gut. Ich weiß, sie ist noch da. Nur in anderer Form. Ihre Seele weiß, wo sie mich finden kann und ich sie. Wenn wir mal reden wollen …
Ein schöner Film, der mir dazu einfällt, heißt „Der flüssige Spiegel“. Es geht darin um das Abschied nehmen von einer geliebten Person und dass wir immer durch unsere Erinnerungen verbunden sind. Und natürlich durch unsere Liebe zueinander. Die Essenz und die Energie eines geliebten Menschen und auch eines geliebten Tieres sind in unserer Seele, in unserem Herzen für immer gespeichert.
Ich habe beschlossen, diesen Essay meiner Mutter zu widmen. Ein großer Teil ihrer Heldinnen-Kraft steckt auch in mir. Sie lebt in mir weiter. Und wenn ich also über die Heldin schreibe, dann meine ich damit auch sie. Durch sie bin ich ins Leben gekommen. Durch sie fühle ich mich fortwährend wie ein junges Reh. Sie hat mir all ihre guten Gene weitergegeben, ihren Optimismus, ihre Aufgeschlossenheit und ihre Flexibilität. Ihren Willen, wie eine Löwin zu kämpfen und nicht aufzugeben, wenn alles aussichtslos erscheint. Eine echte Löwenmutter eben …
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Die Heldin macht sich auf den Weg nach Hause. Ihren wahren Schatz trägt sie nicht im Außen, sondern in ihrem Inneren, in ihrem Herzen. Noch liegt ein weiter Weg vor ihr und sie weiß nicht, was sie zu Hause erwartet, beziehungsweise was und wo ihr zu Hause ist … Aber nein, das stimmt nicht. Sie weiß es schon. Ihr Herz und ihre Seele wissen es …
Meine Pinnwand sieht aus wie eine riesige Fahndungs-Wand. Überall Bilder, Zettel und Schnipsel mit stärkenden Mantras, die an große Träume erinnern. Evaaa…gesucht. Wo ist sie? Sie schwebt davon, in ihr glückliches Leben. Aber nicht nur mit ein paar Zentimetern über dem Boden …
Diesmal fühle ich mich wie eine Astronautin im Weltall. Doch alle Leinen sind jetzt losgemacht. Auch die Nabelschnur, die mich noch immer unsichtbar mit dem Mutterschiff verbunden hatte. Ich treibe voller Vertrauen durch das Universum, ins große Unbekannte, ins Leben. Der Beinbruch war ein Kontrollverlust. Doch letztlich führte er zu noch mehr Vertrauen und noch mehr Loslassen von Kontrolle, Zwang und Druck.
Ich fühle mich schwerelos. Weil ich Ballast abgeworfen habe. Weil ich mich daran erinnert habe, wer ich bin und was mir gut tut. Mit offenem Ende … Wann fühlte ich mich das letzte Mal so? … Vor einiger Zeit im Zusammensein mit einem besonderen Menschen. Wenn man dabei das Gefühl hat, die Zeit scheint still zu stehen, weil man sich so wohl fühlt … Oder in der Zeit zwischen Abitur und Ausbildung, als ich neben meiner jüngsten Schwester auf der Wiese lag und wir gemeinsam die vorüberziehenden Wolken deuteten. Ein Drache mit einem Flügel, eine Zuckerwatte, ein großes Herz …
Ich frage mich, wie ich immer wieder in diesen Zustand kommen kann, in diese Schwerelosigkeit? Wann habe ich mich so glücklich gefühlt, wie noch nie? Und wann war ich so traurig wie noch nie? Vielleicht letztes Jahr? Dieses Jahr?
Was bedeutet es, wieder mit sich selbst in Verbindung zu kommen? In die Balance zu kommen? Wenn man sich nicht dafür verurteilt, dass man es gerade nicht ist. Alles ist ein stetiger Prozess. Es gibt hier keine Waage, die ausgeglichen stillsteht. Aber einen großen Baum mit Wurzeln, der bei starkem Wind seine Krone hin und her wiegt und dennoch den größten Stürmen standhält.
Ich fühle gerade jetzt, dass meine Wurzeln schon sehr stark geworden sind. Der Verlust der Mutter kann einen Menschen aus der Bahn werfen. Er kann sich wie entwurzelt fühlen. Und wieder einmal zeigt sich, dass alles, was wir erleben und durchleben, die Vorbereitung ist auf das, was noch kommt.
Dabei hilft es tatsächlich, wieder ein bisschen zu werden wie ein Kind. Nicht umsonst sagt man das auch über ältere Menschen. Alles geht langsamer. Mit dem Unterschied, dass wir wählen können, wann wir es schneller oder gemächlicher haben wollen, schwerer oder leichter. Die Mitte zu finden, kann niemand anderes für mich übernehmen.
Manchmal muss ich noch einmal genauer hinschauen, wenn mich etwas triggert. Dann kann ich mich fragen, was soll ich daraus lernen? Welcher Teil von mir möchte noch einmal gesehen werden, bevor er sich nun endgültig in meinen Organismus integrieren kann? Denn das ist es, was da abläuft. Der Körper speichert alle Erinnerungen, auch die, die wir noch nicht verarbeitet und an die richtige Stelle gesetzt haben.
Kommen wir in eine Situation, in der wir in die Vergangenheit katapultiert werden, bedeutet es, dass unser Körper sich gerade erinnert. Er kann nicht unterscheiden, ob das, was passiert, etwas ist, das dem Moment entstammt oder zu einer früheren Begebenheit gehört. Werden wir also übermäßig stark gereizt bzw. reagieren wir über und der Situation nicht tatsächlich angemessen, dann führt der schmerzende Trigger uns zu etwas, das der Körper in der Vergangenheit nicht verarbeiten konnte. Weil es in dem Moment zu weh tat, zu überwältigend war. Und in seiner Hilflosigkeit steckte er es erst mal in eine Box „mit der Aufschrift erledige ich später, kann gerade nicht“. Das erlebte Gefühl in der Situation ist der Reminder dazu, dass es da noch etwas zu verarbeiten gibt.
Unser Körper gibt uns mit jeder triggernden Situation ein Zeichen – „Hallo, da ist noch etwas zu heilen, zu integrieren!“. Das macht er so lange, bis wir bereit dazu sind. Bis wir genügend Erfahrung und Fähigkeiten dafür haben, um diese Aufgabe dann tatsächlich meistern zu können. Wenn wir dies also gerade noch nicht schaffen, ist das okay. Irgendwann wird der Moment kommen.
Natürlich gab es mit meiner Mutter auch Situationen, die ich als sehr schmerzhaft empfunden habe. Die ich nicht verstanden hatte, weil ich zu klein war. Die ich in „diese Box“ stecken musste. Aufgrund derer ich Glaubenssätze entwickeln musste, um mich zurechtzufinden. Die Aussöhnung mit unseren Eltern, mit unserer Vergangenheit und allgemein mit den Dingen, die wir erlebt oder getan haben, mit den Dingen, die wir bereuen und wo wir uns Vergebung wünschen, kann uns keiner abnehmen.
Es erfordert Mut, noch einmal hinzuschauen. Was war da eigentlich, was ist da passiert? Was hätte ich in diesem Moment gebraucht? Und mir das dann selbst zu geben. Indem ich diese Situation in einen neuen Rahmen setze, in ein neues Setting. Mir genau vorzustellen, wie dieser Moment abgelaufen sein könnte, damit ich mich sicher, wohl und geborgen fühle, hilft dabei, die Nerven zu beruhigen, die sonst durch die Trigger immer wieder von Neuem in Alarmbereitschaft versetzt werden.
Als ich acht Monate alt war, kam ich für zwei Monate ins Krankenhaus. Kurz nach meiner Geburt hatten die Ärzte festgestellt, dass ich an einer Hüft-Dysplasie leide. Sie sagten meiner Mutter, wenn diese Fehlstellung nicht bald behandelt werden würde, könnte ich niemals laufen lernen. Meine Mutter musste damals eine schwere Entscheidung fällen. Sie musste sich bereit erklären, mich für zwei Monate in einer für mich fremden Umgebung unterbringen zu lassen. Sie konnte mich nicht jede Woche besuchen kommen, weil wir kein Auto hatten. Trotz der damals schon achtköpfigen Familie. Aber da hätten wir ja eher einen Bus gebraucht oder gleich zwei Autos.
Zudem war es meiner Mutter nicht erlaubt, in das Krankenzimmer zu gehen und mich in den Arm zu nehmen. Aufgrund damals vorherrschender hygienischer Vorschriften konnte sie mich immer nur durch die Scheibe beobachten, wenn sie zu Besuch kam. Sie sagte mir, dass ich aber ganz lieb war und gar nicht geweint hätte. Vielleicht hat sie das getröstet. Für mich war es anscheinend eine Art Lerneffekt. Ich denke, ich hatte damals resigniert und gemerkt, dass Schreien nichts bringt.
Vielleicht dachte ich, ich hätte sie verloren. Und ich musste irgendwie überleben. Mein Bein war permanent fixiert an einer Aufhängung, die dafür sorgen sollte, dass sich die Fehlstellung der Hüfte ausbalanciert und alles richtig zusammen wächst.
Das Schreien eines Babys sichert sein Überleben. So kann es von den Eltern gehört und beschützt werden. In der Steinzeit war das essenziell, wenn man verhindern wollte, dass die Nachkommen von wilden Tieren gefressen werden. Die, die schreien können nicht vergessen und zurück gelassen werden. „Meine wilden Tiere“ waren damals vielleicht die fremden Menschen um mich herum, das Krankenhauspersonal und die im Krankenhaus vorherrschende Atmosphäre, die mir nicht wirklich das geben konnten, was ein Kleinkind in dieser Zeit braucht – Wärme und Geborgenheit.
Nach den zwei Monaten im Krankenhaus kam ich wieder nach Hause und kurz darauf fiel ich vom Toilettensitz. Ich brach mir da mein Bein zum ersten Mal. Auch damals war es das linke und schon damals fühlte ich den Kontrollverlust. Noch einmal kam ich ins Krankenhaus. Aber nun fing ich an, das Essen zu verweigern. Es war meine einzige Möglichkeit zu signalisieren „Ich fühl mich hier nicht wohl, holt mich hier raus!“ Meine Mutter nahm mich entgegen dem Rat der Ärzte mit nach Hause. Sie sagten: „Wie wollen Sie das machen?“ Aber als Löwenmutter fand sie eine Lösung und besorgte einen Zwillings-Kinderwagen, in dem sie mich mit dem eingegipsten Bein herumfahren konnte.
Meine Verlustangst war jedoch seit dem Krankenhausaufenthalt in meinem Körper gespeichert und in jeder Situation, in der sich mein Körper an damals erinnerte, zeigte sie sich wieder und rief nach Heilung. Nun habe ich diesen Anteil von mir integrieren können. Unter anderem auf einer „Heilreise“ konnte ich mich noch einmal imaginär in die Vergangenheit begeben. Ich habe mir noch einmal meine Situation als Baby im Krankenhaus vorgestellt, den Moment, in dem meine Mutter mich im Arm hält, umgeben von meiner Familie und wie ich ihre Liebe und Geborgenheit fühle.
Jetzt, da ich meine Mutter nicht mehr in den Arm nehmen kann, ist ihr Verlust besonders spürbar. Doch durch alles, was mir letztes Jahr passiert ist, habe ich viel geheilt. Ich bin dankbar für diese herausfordernden Momente. Sie waren die Vorbereitung auf das, was jetzt geschieht. Ich habe meiner Mutter vergeben, für alle Erlebnisse mit ihr, die mir weh getan haben. Ich weiß, sie hat ihr Bestes gegeben. Und nicht nur sie. Auch all die anderen Menschen, denen ich begegnet bin. Auch ihnen habe ich vergeben. Jeder tut das, was in der jeweiligen Situation für ihn möglich ist.
Ich muss das nicht immer gut finden. Ich darf das ganze Spektrum der menschlichen Gefühle durchleben und manchmal ins Kissen oder von einem Abhang hinunter schreien, wie in dem Film „Garden State“, um einen Umgang mit der Situation zu finden und daraus zu lernen. Denn das ist es, was unsere Seele will. Sich will sich weiter entwickeln. Dazu gehört auch, dass ich lerne, mir selbst zu vergeben. Es kommt mir so vor, als wäre es eines der schwersten Dinge überhaupt. Aber ich bin dabei, es zu lernen …
Mein neuer Glaubenssatz lautet nun: „Ich bin immer durch die Liebe verbunden.“ Auch wenn ein geliebter Mensch nicht da ist, weiß ich, dass ich mit ihm verbunden bin. Ich bin nicht abhängig von seiner Anwesenheit, die mir Sicherheit geben soll. Ich bin in mir selbst sicher und ich kann das Zusammensein genießen, ihn auch wieder gehen lassen, ohne eine übergroße Leere zu fühlen. Wenn wir diese Balance für uns selbst gefunden haben, können wir zusammen frei sein und über den Wolken fliegen.
Alles ist möglich und alles wird gut …


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