Nicht von dieser Welt

Meine Augen sind geschlossen. Ich sehe nur schwarz, aber tief in mir drinnen ist es hell und ich bin ganz wach, denn ich muss mich konzentrieren. Ich stehe auf einem Bein und versuche etwas zu finden, an dem ich mich orientieren kann. Am Anfang fällt es mir schwer, die Balance zu halten. Ich drohe immer wieder umzufallen, aber ich kann mich halten. Und dann wird es von Sekunde zu Sekunde besser. Ich finde meine Mitte.

Nun wandern meine Augen die Wand entlang, von oben nach unten, von links nach rechts und wieder zurück. Die Übung, die ich gerade ausführe, dient dazu, meine Sinne zu schärfen und zu lernen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Seit Neujahr darf ich ohne Krücken gehen. Aber ich fühle mich dabei noch ein bisschen wie eine Besoffene, die getrunken, äh betrunken ist. Lol …

Mir kommt einer meiner Lieblingsfilme in den Sinn – „Karate Kid“. Ich liebe diese weisen Sprüche von Mister Miyagi, die Daniel La Russo aka Danielsan zu hören bekommt, während er sich auf den aussichtslos erscheinenden Kampf gegen seinen Rivalen Johnny vorbereitet. Während einer Übung, die später über Gewinnen oder Verlieren entscheiden wird, sagt Mister Miyagi: „Lernen zu stehen, dann lernen zu fliegen.“

Und auch ich darf lernen, dass ich zuerst achtsam Babyschritte machen muss, um danach wieder wie ein leichtfüßiges Reh über die Wiese rennen zu können. Ein Fuß vor den anderen, ein Schritt nach dem anderen. Ein Baby, das im Tempo einer Großmutter läuft. Na danke. Ist ja wie in dem Film „Benjamin Button“, alles verkehrt herum oder nochmal von vorne. Aber das ist eine andere Geschichte …

Doch ich muss gestehen, ich habe Gefallen gefunden an dieser langsamen Art zu gehen. Ich nehme die Welt nun wirklich viel aufmerksamer wahr. Und tatsächlich hat das eine große Wirkung. Wenn nun Dinge passieren, die mich scheinbar aus der Balance bringen wollen, sage ich mir: „Es soll so sein.“ Das klingt so, als würde ich die Verantwortung abgeben. Und das tue ich auch. Bei Dingen, auf die ich keinen Einfluss habe und bei denen es darum geht, die Kontrolle loszulassen.

Überhaupt ist das eine Haltung, die tatsächlich sehr viel Ruhe hineinbringt in das Leben. Zu wissen, wann man mit dem Leben im Fluss und mit dem Universum beziehungsweise der Quelle verbunden ist, erfordert Einiges an Übung. Aber ich spüre, Achtsamkeit und Langsamkeit bringen mich dahin. Ich weiß dann, wenn in mir so eine Aufruhr hochkommen will, so von wegen, ich muss etwas tun, dann muss ich genau dann nichts tun.

Weil das nur meine Angst ist, die Kontrolle zu verlieren. Aber ich kann die Balance nicht halten, wenn ich wie wild mit den Armen rudere. Und dann werde ich innerlich ganz ruhig und gebe mich dem Lebensfluss hin. Dann empfange ich den nächsten Schritt, wenn es in diesem Moment einen zu gehen gibt. Oder ich bleibe erstmal stehen.

Nichts zu tun, kann eine große Herausforderung sein. Wir sind es gewohnt, die Dinge in die Hand zu nehmen. Und das sollen wir auch. Im richtigen Moment. Dann co-creieren wir mit dem Universum. Und dann wird es richtig gut.

Vielleicht habe ich die Fähigkeit, mich auf diese Haltung einlassen zu können, schon in meiner Kindheit entwickelt. In einer mehrköpfigen Familie mit sieben Geschwistern. Es herrschte immer irgendwie Chaos und meistens geordnetes. Aber als Kind kann man da schnell die Orientierung verlieren. Ich sehe mich in meiner Erinnerung da stehen, mitten im Gewusel. Innerlich geflüchtet und die Augen geschlossen. Um im Chaos zu überleben und es bewältigen zu können, musste ich Fähigkeiten entwickeln, die mir dabei halfen, den Kräften, die an mir zerrten, stand halten zu können.

Vor Kurzem wurde mir zufällig ein Video auf Youtube angezeigt. Der Mann sprach davon, still zu halten, wenn es still ist und sich scheinbar nichts tut. Nichts zu forcieren. Er sagte: „Sei einfach nur still. Beweg dich nicht und lass Gott arbeiten.“ Das fand ich auch richtig gut.

Im englischen Raum gibt es eine verlängerte Version des berühmten Ausspruchs vom Theologen Reinhold Niebuhr. Die freie Übersetzung lautet ungefähr so:

Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
  Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann
  und Weisheit, um den Unterschied zwischen beidem zu erkennen.
  Einen Tag nach dem anderen zu leben,
  einen Moment nach dem anderen zu genießen.
  Beschwernis als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren.
  Diese sündige Welt, wie Jesus es tat,
  so anzunehmen, wie sie ist,
  nicht so, wie ich sie gern hätte.
  Darauf zu vertrauen, dass du alles richtig machen wirst,
  wenn ich mich deinem Willen hingebe,
  auf dass ich recht glücklich sein möge in diesem Leben
  und überglücklich mit Dir auf ewig im nächsten.
  Amen.

Heute ist mein Geburtstag. Vor vier Katzenleben bin ich auf die Welt geschwebt und vielleicht auch nie ganz da unten angekommen. Vor Kurzem sagte man mir, ich bin „nicht leicht zu fassen“. Ja, das kann tatsächlich sein, denn manchmal nehme ich mich auch so wahr. Wie ein Engel auf Erden, doch immer ein paar Zentimeter über dem Boden. Das kann manche Dinge verkomplizieren und den Kontakt zu anderen Menschen erschweren.

Vielleicht fühle ich mich zu zart und denke ich muss mich schützen. Dabei weiß ich doch, dass meine Seele unverletzlich ist. Aber einen physischen Körper zu bedienen, ist manchmal nicht so leicht. Da wünscht man sich hin und wieder eine Anleitung. Wenn mich mal wieder jemand blöd anmacht oder etwas Unmögliches von mir will, sage ich einfach: „Moment! Da muss ich erst mal in meiner Gebrauchsanweisung nachschauen.“

Bei Gebrauchsanweisung fällt mir ein – Google-Assistant und Thalia.de haben mir heute auch zum Geburtstag gratuliert. Wer ist denn das eigentlich? Die kenne ich ja gar nicht hahaha … Aber ich bin es schon fast gewöhnt, dass mich fremde Menschen kontaktieren. Neulich in der Umkleide von der Physiotherapie-Praxis hörte ich jemanden in der Duschkabine schimpfen: „Orr nee eyy! Was ist denn das hier für ne Schei…! Orr nee! Orr ah puhh …“ Und ich dachte mir so: „Oh man, wer ist denn da mit dem falschen Fuß aufgestanden?“

Als hätte dieser Jemand meine fragenden Gedanken erhört, kam auch gleich die prompte Antwort darauf. Eine nackige Frau erschien im Umkleideraum und fing an, sich über die kaputte Dusche zu beschweren: „Also das ist ja wirklich unmöglich. Diese Dusche hat so einen großen Duschkopf, aber heraus kommt nur so ein klitzekleiner Wasserstrahl. Und dann ist der auch noch kalt. Brrr!“ Das mit der Nacktheit in meinen Essays ist interessant. Haha, aber ich schwöre, es ist die Wahrheit, nichts als die nackte Wahrheit.

Ich hatte Mitgefühl mit ihr und sagte: „Vielleicht stellen Sie sich einfach vor, dass das nächste Mal, wenn Sie hier nach dem Training duschen wollen, der Duschkopf repariert ist und ein wohlig warmer Wasserfall über Ihren Rücken läuft.“ Ihr Gesicht erhellte sich und sie stimmte mir zu: „Ja, das hat meine Ergotherapeutin auch gesagt. Ich soll mir eine reparierte Dusche wünschen und den Wunsch ins Universum rausschicken.“

Inzwischen habe ich gelernt, dass das keine gute Idee ist, denn das Universum funktioniert nach dem Gesetz der Anziehung. Wenn ich einen Wunsch aussende, bekomme ich einen Wunsch zurück. Ein Wunsch bleibt dann ein Wunsch. Ich muss auch etwas tun dafür. Ich muss der Wunsch sein, damit er sich erfüllen kann. Klingt komisch, ich weiß. Leider wurde das bisher im Physikunterricht nicht so ernst genommen. Aber mittlerweile ist vielen Menschen klar, dass Fülle auch Fülle anzieht. Das heißt, wir gehen davon aus, dass das, was wir uns wünschen schon da ist.

Das funktioniert im Außen wie im Innen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir schon in dem Job arbeiten, von dem wir insgeheim träumen und uns in den Zustand hineinversetzen, wie es sich anfühlt und aussieht, wenn wir jeden Tag auf Arbeit gehen und Freude daran haben unsere ganz spezielle Berufung zu leben, dann senden wir eine ganz klare Botschaft an das Universum aus. Und das Universum sendet uns ganz konkrete Situationen zurück, die dazu führen, dass wir die richtigen Schritte unternehmen, damit dieser Wunschzustand auch eintritt. In dem Zusammenhang brauchen wir natürlich die nötige Achtsamkeit, um diese entscheidenden Momente erkennen zu können und zudem das Vertrauen in diesen ganzen Mechanismus.

„To change what you do, you need to change what you think of you.“, sagte einmal der Pastor und Autor Craig Groeschel im Podcast von Lewis Howes („The School of Greatness, EP 1394, „How to stop feeling stuck in life (by doing THIS“). Das Leben ist also doch ein Wunschkonzert, es spielt nur anders als gedacht.

Die Frau war immer noch nackt und schaute mich mit großen Augen an: „Ach so ist das! Das ist ja interessant! Dann werde ich das mal ausprobieren. Woher wissen Sie das denn?“ Ich sagte ihr, dass ich Mental Coach bin und das wissen sollte, es gehört zu meinem Beruf. Und plötzlich meinte sie: „Oh ich habe früher auch mit Menschen gearbeitet als Erzieherin. Später kam ich auch mit Heimkindern in Berührung und das war für mich nicht leicht, denn ich war selbst ein Heimkind.“

Oh ja, das war sicher nicht einfach für sie. Aber das ist es, was ich meine. Das Leben aka das Universum spiegelt uns im Außen die Dinge, die im Inneren noch nicht verarbeitet wurden. Dass diese Frau irgendwann mit Heimkindern arbeiten würde, war also kein Zufall. Das, was uns als Challenge erscheint, ist in Wahrheit unsere Lernaufgabe, an der wir wachsen dürfen und die uns in die Heilung bringt. Wir müssen es nur erkennen. Den Blickwinkel auf unsere Herausforderungen ändern. Die Frau aus der Dusche sieht ihr Leben jetzt vielleicht mit anderen Augen. Es klingt hart. Aber vielleicht gerade weil sie ein Heimkind war, konnte sie Heimkindern besonders gut helfen und für sie da sein. Weil sie weiß, was es bedeutet, ohne Eltern bzw. getrennt von ihnen aufzuwachsen.

Am nächsten Tag sprach mich eine Frau vor dem Supermarkt an. Zunächst hatte ich sie nicht richtig verstanden, weil sie nur wenige Wörter Deutsch sprechen konnte. Sie sah aus, als wäre sie arabischer Herkunft. Ich dachte erst, sie möchte Geld von mir haben und ich nahm mir vor, ihr welches zu geben, wenn ich mit dem Einkauf fertig war. Aber dann verstand ich. Sie wollte mit mir gemeinsam einkaufen gehen. Ich zögerte kurz, aber dann dachte ich, warum auch nicht, wenn ich ihr damit helfen und eine Freude machen kann.

Als wir durch den Supermarkt liefen, fiel mir auf, dass sie zögerte, bevor sie etwas in den Einkaufswagen legte. Sie schien zu überlegen, ob sie dieses oder jenes nehmen konnte oder ob sie damit meine Freundlichkeit überstrapazieren würde. Es war durchaus nicht so, dass sie nur die teuersten oder exquisitesten Sachen aussuchte. Es waren Kartoffeln, Fleisch, Nudeln … Grundnahrungsmittel in großen Abpackungen. Vielleicht hatte sie eine mehrköpfige Familie zu ernähren.

Und so lief ich mit einer fremden Frau durch den Supermarkt und wir kauften gemeinsam ein, als wenn es das Normalste der Welt wäre. Natürlich war es auch auf eine Art verrückt, denn ich hätte mich fragen können, warum ich das eigentlich mache und warum sie das machte, obwohl wir uns doch offensichtlich nicht kannten.

An der Kasse standen Blumensträuße und sie nahm einen Bund mit weißen Hyazinthen in die Hand. Aber dann stellte sie den Strauß wieder zurück. Anscheinend dachte sie, sie würde damit den Rahmen des Einkaufs sprengen. Doch ich ermunterte sie, sich selbst auch etwas zu gönnen. Man sagt doch so schön: Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein. Ein Strahlen huschte über ihr Gesicht und ich konnte sehen, dass sie überrascht war. Sie war so bescheiden und sehr darauf bedacht, mir nicht das Gefühl zu geben, dass sie mich ausnutzen wollte. Auch wenn der Eindruck schon längst hätte entstehen können, wenn ich einem Vorurteil gefolgt wäre.

Meine Intuition hatte mich dazu gebracht, weder zu hinterfragen, welche Absichten sie hatte, noch ob es dienlich wäre, sie auf diese Art und Weise zu unterstützen und ihren Einkauf zu bezahlen. Ja, vielleicht macht sie das jeden Tag so. Vielleicht bringt sie das langfristig nicht weiter. Und so ist es auch nicht gemeint. Aber mit jedem Akt der Freundlichkeit meinerseits kann ihr Vertrauen in die Menschen um sie herum wachsen. Davon bin ich überzeugt. Und irgendwann findet sie die Kraft, sich selbst in die Lage zu versetzen, ihren Einkauf, ihre persönliche Situation wieder selbst managen zu können, finanziell und mental und sich die entsprechende Unterstützung dafür zu organisieren. Ich weiß nicht, was sie erlebt hat, wovor sie flüchten musste oder welche Bedingungen in ihrem Heimatland sie dazu veranlasst hatten, ihr Glück hier bei uns zu suchen. Ich glaube nicht, dass jemand, dem es WIRKLICH gut geht, sich vor den Supermarkt stellt und Menschen anspricht, sie um Unterstützung bittet. In so einem Zustand geht man normalerweise selbst einkaufen.

Und deswegen habe ich es getan. Ich wollte ihr das Gefühl geben, dass sie wieder die Verbundenheit mit allem und allen spüren kann. Auch wenn sie in einem anderen Land lebt und sich vielleicht hier noch fremd fühlt. Ich denke, auch das bedeutet Integration. Es geht nicht nur darum, ihr einen Deutschkurs zu verordnen oder zu schauen, ob sie sich an die Regeln hält. Auch wir müssen etwas tun und auf sie, auf die Menschen, die zu uns kommen, zugehen und sie unterstützen, wenn sie Hilfe brauchen. Wenn wir ihnen Freundlichkeit zeigen, werden sie uns das zurückspiegeln. Und es geht nicht darum, wer den ersten Schritt macht. Es geht darum, ihn überhaupt zu gehen.

Am Ausgang bedankt sie sich mehrmals und wir umarmen uns spontan. Ich wünsche ihr alles Gute und dann trete ich meinen Heimweg an. Kurz überlege ich, ob ich umkehren soll und sie fragen, woher sie kommt und warum sie da vor dem Eingang steht. Aber dann spüre ich, nein es geht nicht nur darum. Vielleicht ist es erstmal wichtig, über seinen eigenen Schatten zu springen und etwas zu tun, dass eine Verbindung zueinander schafft. Ungeachtet der Herkunft und der persönlichen Geschichte. Wo es nicht um die Frage geht, ob man es wert ist aufgrund dieser oder jener Fakten Hilfe zu bekommen oder nicht. Denn am Ende sind wir alle einfach nur Menschen. Jeder mit seinen ganz besonderen Herausforderungen, Gedanken und Wünschen.

Irgendwie konnten diese zwei fremden Menschen spüren, dass ich Verständnis für sie habe. Sie haben mich irgendwie trotzdem „zu fassen bekommen“. Sie haben durch mich durchgeschaut in mein Herz. So wie ich es bei ihnen gemacht habe. Und dadurch ist die Verbindung zwischen uns entstanden. Wenn wir uns nicht beirren oder abhalten lassen von Vorurteilen und Schutzpanzern, können wir die innerlichen und äußerlichen Mauern überwinden. Das schaffen wir am besten, wenn wir nicht mit unserem Ego identifiziert sind und wieder lernen, mehr auf unsere Intuition und unser Herz zu vertrauen.

„Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu and’rer Glück. Denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eig’ne Herz zurück.“ Jetzt weiß ich, warum mir jemand diesen Spruch von Johann Wolfgang Goethe in der Grundschule ins Poesiealbum geschrieben hatte. Um mich daran zu erinnern, warum ich hier bin. Ein Klient sagte einmal zu mir: „Sie sind mein Engel.“ Haha, ja, möglicherweise schwebe ich immer ein bisschen über dem Boden. Und vielleicht bringt mich das ja dazu an Illusionen zu glauben. Aber der Glaube versetzt Berge, sagt man. Und dieser Frau zu helfen hat mich definitiv glücklich gemacht. Das Gesetz der Anziehung funktioniert also. In der Schule haben wir immer am Ende einer gelösten Formel geschrieben: „Was zu beweisen war.“

Vielleicht hat das auch etwas Gutes, dass ich von einem anderen Blickwinkel aus auf die Dinge schaue. Vielleicht braucht es das, weil ich dann den nötigen Abstand habe, um Sachverhalte zu verstehen, die für den, der in der Sache drinsteckt, nicht so leicht zu erfassen sind. Wenn ich Erdung in mich hineinbringen kann, werde ich die Mitte halten können, die ich brauche, um in der Balance zu bleiben. Damit ich den Menschen weiterhin dabei helfen kann, sich daran zu erinnern, WER sie sind und WOFÜR sie jeden Tag aufstehen …