
„You can’t be a butterfly while continuing to be a caterpillar.“ Ich weiß nicht, wo ich diesen Spruch aufgeschnappt hatte. Ich weiß nur, dass er mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich hier in meinem Gewächshaus sitze. Gewächshaus ist eigentlich nur ein symbolischer Begriff für „warme Wohnung mitten im deutschen Winter trotz gestiegener Heizkosten“. Obwohl ich der Idee ein Gewächshaus mein eigen zu nennen, nicht abgeneigt bin. Allerdings ist da noch das Thema mit den Spinnen und all dem anderen Gewürm … Was mich wieder zur eingangs beschriebenen Raupen-Phase führt.
Über sieben Wochen befinde ich mich nun schon in diesem Stadium und das Ende ist noch nicht abzusehen. Aber ich kann es fühlen. Können Raupen fühlen? Bestimmt. Anders als die Raupe verpuppe ich mich nicht, sondern schäle mich zunehmend Schale für Schale aus meinem alten Ego-Ich. Entdecke Seiten an mir, die ich nie gekannt zu haben scheine. Es ist ein Erinnern. Ich kehre zurück zu mir selbst. Es fühlt sich manchmal so an, als würde ich jemand Neues kennen lernen. Mit allen Höhen und Tiefen. In Wahrheit ist es nur das Erkennen, dass ich mich selbst von mir getrennt hatte, um die Schatten meines Selbst nicht spüren zu müssen.
Aber wie kam die Raupe nun in das Gewächshaus … Jetzt erwartet man vielleicht eine besonders ausgefallene Story, aber es war einfach nur banal. Eines schönen Oktober-Nachmittags lief ich während meiner Schicht als Fahrradkurierin den Gehweg einer Leipziger Straße entlang. In der einen Hand eine Eierschecke, in der anderen einen Keks. Für meinen Sohn. Ja, die mag er immer noch. Obwohl er schon groß ist, naja sagen wir groß genug für einen Teenie und klein genug, um noch einen Keks von seiner Mutter geschenkt zu bekommen. Ach was, sagen wir, für Geschenke ist es nie zu spät … Jedenfalls fühlte ich mich sehr wohl an diesem Tag, so wohl wie schon seit einer Weile nicht mehr. Und dann passierte es. Ich stolperte über eine Gehwegplatte und mein rechter Fuß knickte um. Erst versuchte ich noch, mich mit dem linken Fuß abzufangen. Keine Chance, der knickte auch um! Und dann landete ich auf meinem Hosenboden, neben mir die Eierschecke, unversehrt und hörte die Engel in meinen Ohren singen. Was für ein Konzert!
Im Vergleich dazu spürte ich erst mal eine Weile nichts mehr in meinem linken Bein. Oder besser gesagt, ich kannte dieses Gefühl nicht, was sich mir da offenbarte. Wie taub und doch ganz genau so, dass ich wusste – hier stimmt aber etwas ganz gewaltig nicht. Erst versuchte ich noch aufzustehen, aber dann musste ich ziemlich schnell feststellen, dass das keine gute Idee ist. Laufen war zu diesem Zeitpunkt keine Option mehr.
Ich dachte noch, nun gut, dann hab ich mir wohl was geprellt oder verstaucht. Erstmal die Eierschecke genießen … Aus meinem Traum erwachte ich spätestens, als die Ärztin in der Notaufnahme zu mir sagte: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist, das rechte Bein ist nur geprellt. Die schlechte ist, sie haben sich das linke Wadenbein zweimal gebrochen und nächste Woche werden wir es operieren.“ Whaaaaat the…!!
Ich brauchte eine Weile, um zu realisieren, was das bedeutete … Ich bekam ein Gipsbein inklusive Schwellung und daher eine um zwei Wochen verspätete OP, eine Titan-Platte mit Schrauben im Bein und eine liebe Omi als Bettnachbarin im Krankenhaus, mit der ich Telefonnummern austauschte. Das Leben im Krankenhaus ist einen eigenen Beitrag wert. Vor allem der Krimi mit der von Tag zu Tag verschobenen OP … Es sollte doch besser Gesundungshaus heißen, habe ich gehört. Gute Idee!
Inzwischen denke ich fast, das ist eines der besten Dinge, die mir je passiert sind. Es war wie eine Vollbremsung auf der Autobahn, auf der ich mit zweihundert Sachen unterwegs war und doch nur gefühlt im Schneckentempo voran kam. Zu viele Dinge gleichzeitig jongliert, dem Abgrund entgegen. Vieles ist passiert in diesem Jahr. Vielleicht zu viel. Und doch vermutlich genau das, was ich brauchte. Natürlich kann man das im Nachhinein immer sagen. Dass das, was passiert, die Vorbereitung auf das ist, was kommt. Oder um es mit den Worten von Kierkegaard zu formulieren: „Man kann das Leben oft nur rückwärts verstehen, aber leben muss man es vorwärts.“
Und ich dachte, ich hätte schon so viel erfahren in den letzten Monaten. Über die Liebe. Mich selbst … Nun aale ich mich wie die Raupe auf einem Blatt im Gewächshaus und fresse mich Schicht für Schicht durch meine vergangenen Leben. Lasse los, lasse sein und verliere die Angst vor dem Fallen. Lerne, mich an mir selbst festzuhalten und vertraue darauf, dass ich meinen Weg auch im dichtesten Nebel finde. Was passiert eigentlich, wenn die Raupe vom Blatt herunter fällt? Das Bein brechen kann sie sich ja nicht. Lol …
Doch ich lerne wieder laufen. Fühle mich wie ein Baby, das seine ersten Schritte macht und freue mich wie eine Schneekönigin über jeden Erfolg. Und es liegt tatsächlich Schnee draußen. Erschwerte Bedingungen. Versucht mal, mit Krücken im Schneematsch oder auf Eis zu laufen. Anfangs fühlte ich mich wie ein Pudding, der sich einbildet ein Mensch zu sein. Ich konnte mich kaum im Spiegel ansehen. Wo waren meine Muskeln geblieben? Würde ich jemals wieder in meine Kraft kommen?
Ich musste das Vertrauen in mich selbst wieder erlangen. Oder besser gesagt, noch mehr darauf vertrauen als je zuvor, dass alles gut werden wird. Zum Glück bin ich mit einer unerschöpflichen Portion an Optimismus gesegnet. Ich habe neue Angewohnheiten und Rituale etabliert und endlich die Verantwortung für mich selbst und mein Leben übernommen. Das war beileibe nicht leicht und manchmal hätte ich einfach nur heulen können. Wenn ich mit meinen Krücken fünfhundert Meter gelaufen war, kam es mir so vor, als hätte ich eine fünfzig Kilometer lange Wanderung gemacht. Aber als ich dann die älteren Menschen in ihren Rollstühlen oder mit ihren Gehwägelchen sah, dachte ich daran, wie es wäre, wenn dies für mich nun die zukünftige Realität darstellen würde? Meine Bewunderung für all diejenigen, die diese Herausforderung täglich meistern, manchmal bis an ihr Lebensende.
Ich bin dankbar für meinen Körper. Dass er weiß, wie er heilen kann. Dass ich trotz meiner vorübergehenden Einschränkung immer noch vor dem Spiegel tanzen kann. Einfach so. Weil es mir Freude bringt. Weil ich mich gerne bewege und ich mich dabei so lebendig fühle. Und flexibel. Etwas, das mir sehr wichtig ist. Nicht nur körperlich gesehen. Auch im Inneren ist Flexibilität sehr hilfreich. Wenn uns das Leben Saures gibt, das wir zunächst nicht verstehen und wenn wir dann später daraus Limonade machen.
Das Universum ist kein mieser Verräter, nicht in meinem Fall. Das ist es wohl nie. Auch wenn ein Film, den ich sehr mag, so heißt … Es weiß, wann eine Kurskorrektur notwendig ist. Die Zeichen dafür hatte ich schon lange vorher gespürt und später auch gesehen. Aber ich konnte sie noch nicht verstehen. Vielleicht wollte auch mein Ego nicht einsichtig sein. Dachte vielleicht, ich könnte erwachen und gleichzeitig so weitermachen wie bisher. Ohne dabei zu erkennen, dass es um mich geht. Ego gegen Universum im Showdown. Das war sprichwörtlich Spannung pur. Filmreif …
Das Universum gewinnt immer. Und das ist auch gut so. Wie können wir mit unserem intelligenten, aber dennoch zu kleinen Verstand glauben, wir wüssten Bescheid? Durch Studien hat man herausgefunden, dass eine Entscheidung schon bevor wir sie fällen, in unserem Unterbewusstsein existiert. Wir nehmen sie letztendlich nur noch auf. Nichts gegen die Fähigkeiten unseres Gehirns. Aber es soll das machen, wofür es kreiert wurde. Uns helfen, Dinge zu planen und den Überblick zu behalten. Entscheidungen zu fällen, ist überraschenderweise nicht seine Aufgabe. Dafür haben wir unsere Intuition. Ich darf lernen, ihr noch mehr zu vertrauen. Darauf, dass nach dem Überwintern im Gewächshaus wieder ein Frühling kommt. Und dann werde ich meine Flügel ausbreiten und über die Stadt fliegen aka mir als Fahrradkurierin die Straßen von Leipzig zurück erobern. Aber diesmal wird es anders sein. Leichter, friedlicher. Denn ich habe die Zeit als Raupe genutzt. Habe allen Ballast abgeworfen. Erwartungen losgelassen. Mich transformiert. Und bin doch noch die Eva, die weiter lernt und sich erinnert … Irgendwann sind hoffentlich alle Anteile in mir integriert.
Als Schmetterling weiß ich vielleicht nicht, dass ich einst eine Raupe war. Aber als Mensch kann ich mit den Worten von Rainer Werner Fassbinder etwas abgewandelt sagen: „Du musst ZU allen Phasen deines Lebens stehen, sonst verrätst du dich selbst.“
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