So nach und nach lasse ich meine Schreib-Experimente aus vergangener Zeit frei … Diesmal eine auto-fiktionale, zunächst etwas düster anmutende Geschichte, die durchaus leichte Bezüge zu meinem damaligen Leben aufweist. Sie scheint sich eine Fortsetzung zu wünschen. Schreibt mir gerne, wenn ihr wissen möchtet, wie es weitergeht 😉
Das erste, was ich sah, waren ihre roten Schuhe. Sie erinnerten mich an etwas, das aus einer anderen Welt stammte. Aus einem Märchen vielleicht. Ich dachte an Rotkäppchen mit roten Stiefeln. Cowboystiefeln. Sie waren schon etwas abgewetzt und an den Sohlen abgelaufen. Aber gerade das machte sie so interessant für mich. Sie schienen schon viele Orte betreten zu haben. Der Staub dieser Orte haftete offensichtlich noch an ihnen, denn sie waren nicht gerade in einem vorzeigbaren Zustand. An einigen Stellen schimmerte noch das leuchtende Rot hindurch. Es vermittelte mir eine Vorstellung von ihnen an besseren Tagen. Sie erinnerten mich an mich selbst …
Ich befand mich in einem beklagenswerten Zustand, ungepflegt und mitgenommen. Aber tief in mir gab es anscheinend noch einen Funken Hoffnung, der sich seinen Weg in mein Bewusstsein zu bahnen versuchte. Damals wusste ich noch nicht, dass diese roten Schuhe bald öfter vor meiner Tür stehen würden und dass sie es sein würden, die mich aus meinen Tiefschlaf erwecken konnten.
An jenem Tag, als ich ihnen zum ersten Mal begegnete, war ich in wirklich mieser Stimmung. Geradezu verzweifelt. Ich hatte mich in eine ausweglose Situation gebracht. Ich war so schwach und ohne Hoffnung, dass ich nicht aufstehen wollte. Ich wollte überhaupt niemals mehr aufstehen, nicht heute und nicht morgen. Ich wollte einfach verschwinden. Und mit mir alle meine Probleme, auf Grund derer ich mich wie gelähmt fühlte. Ich lag im Bett und wünschte mir meinen Tod. Aber die Tatsache, dass ich ihn mir nur wünschte und nicht wirklich etwas dafür tat, dass dieser Wunsch Wirklichkeit wurde, spricht dafür, dass ich nicht ernsthaft sterben wollte.
Ich weiß nicht, ob es Angst oder Faulheit war, aber ich beschränkte mich inzwischen nur noch auf das Denken, in allen möglichen Formen. Es war ein Zerdenken von Bedenken, ein Kreisen um den richtigen Ansatz zum zufriedenen Leben, die richtige Stimmung, das Grübeln über die Anwesenheit der “richtigen” Menschen um mich herum, den richtigen Job, den richtigen Ort …
Ich las sehr viel in dieser Zeit. Selbsthilfebücher, psychologische Sachbücher, Zeitschriften. In ihnen, so hoffte ich, würde ich die richtige Botschaft finden, wie ich mein Leben zu gestalten habe. Aber das, was ich fand, warf nur noch mehr Fragen auf. Allmählich war mein Kopf so voll von klugen Ratgeber-Tipps, Geschichten von Leuten, die ihr Glück am Ende der Welt gefunden hatten, dass ich das Gefühl hatte, er könnte jeden Moment platzen wie ein Luftballon, den man mehr und mehr aufbläst, bis es knallt. Das trifft es ganz gut. Und alles, was aus dem Ballon später wieder herauskommt, ist Luft. Und noch nicht mal heiße, allerhöchstens lauwarme.
In diese Gedanken hinein klingelte es. Gnadenlos laut und unerbittlich. Ich ahnte, es würde nicht aufhören, bevor ich mich nicht aus diesem Bett hochgequält hatte. Meinem warmen, einzig sicheren Zufluchtsort zu dieser Zeit. Wie ich es dennoch schaffte, kann ich nicht sagen, aber ich schleppte mich zu meiner Wohnungstür. Ja, ich kroch förmlich wie ein verendender Fisch, der eigentlich nur schwimmen kann. Nur um dieses erbarmungslose Klingeln abzustellen. Ich musste meine letzte Kraft zusammensammeln, meinen winzigen Mut, der sich irgendwo in den Tiefen meines Körpers versteckt hielt, um nicht wie eine zarte Pflanze in den Stürmen eines Unwetters zugrunde zu gehen. Aber eigentlich war es schon passiert. Was sollte mich je dazu bringen, wieder an das Leben zu glauben? Was war der Nährstoff, der diesem Trieb die Kraft geben konnte, zu wachsen?
Als ich die Tür öffnen wollte, war sie verschlossen. Es standen Stühle verkehrt herum davor, mit der Stuhllehne zuerst, wie in einem Thriller, in dem das Opfer seinen Peiniger erwartet und in der Not hastig einen Stuhl unter die Türklinke stellt. Außerdem befanden sich dort mein Sofa und eine schwere Kiste. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wann und warum ich mich so verbarrikadiert hatte. Es musste Tage her sein. Ich hatte irgendwann aufgehört zu zählen. Es schien alles unwichtig geworden zu sein. Die Zeit, der Hunger, menschlicher Kontakt.
Auf Knien rutschend schob ich leise ächzend die Möbel beiseite. Das Klingeln wurde eindringlicher und in mir regte sich eine zarte Wut. Eine, die beinahe ertrunken wäre in der Resignation über meine aussichtslose Lage.
Als ich die Klinke herunterdrückte und an der Tür zog, bemerkte ich Widerstand. Ich rüttelte und zerrte an dieser alten Pforte, aber es war nichts zu machen. Sie blieb verschlossen. In meiner aufsteigenden Rage war ich drauf und dran, mir aus der Küche ein Messer zu holen und damit auf die Tür einzustechen. Doch dazu war ich nicht in der Lage. Ich saß immer noch auf meinen Knien, verzweifelt über meine Unfähigkeit die Tür zu öffnen. Traurig und verärgert darüber, wie ich mich überhaupt in diese Situation gebracht haben konnte.
Eine Weile blieb ich so – reglos und in der Hoffnung, ich könnte die Wirklichkeit einfach ausblenden. Meine Strategie schien nicht aufzugehen. Das Klingeln hörte sich in meinen Ohren an wie die Sirene eines Rettungswagens. Ich blickte zur Tür und dann kam mir ein Gedanke. Die Katzenklappe! Es war absurd, aber sie war meine einzige Hoffnung. Ich würde da durchkriechen, meinen verbliebenen Mut zusammennehmen und dieser Person, wer auch immer sie war, meine Meinung geigen. Nichts konnte so wichtig sein, dass man einem anderen Menschen die Ruhe nimmt. Und sei es auch nur diese Art von Ruhe, die man fühlt, wenn man aufgegeben hat. Wenn alles verloren und aussichtslos erscheint. Das Letzte, was einem geblieben ist.
Ich öffnete die Katzenklappe und dachte an Theo. Wie elegant er sich durch diese Öffnung schleichen konnte. Wie ich jedes Mal gehofft hatte, er würde nicht gehen, weil ich nicht wusste, ob er jemals wiederkommen würde. Und eines Tages sollten sich meine Befürchtungen bewahrheiten. Ich wartete tage- und nächtelang auf ihn. Theo blieb verschwunden.
Tränen schossen mir in die Augen. Zu schmerzhaft war die Erinnerung an ihn. Ich würde dieses Klingeln einfach aussitzen. Irgendwann musste es aufhören. Es musste.
Ich blinzelte. Meine Tränen hingen an meinen Wimpern und bildeten einen dichten Schleier. Ich sah nur noch verschwommen. Gerade wollte ich die Klappe schließen, da entdeckte ich etwas Rotes. Es leuchtete und drang durch den Tränenschleier zu mir hindurch. Ich wischte ihn weg. Es schimmerte immer noch. Meine Augen waren verquollen und ich konnte nicht erkennen, was dieses rote Etwas war. Ich saß immer noch mit den Knien auf dem Boden, zusammengesackt zu einem Häufchen Elend, die Katzenklappe in der Hand und starrte.
Nun schien meine Neugier doch aus dem Tiefschlaf erwachen zu wollen und ich streckte den Kopf durch die Katzenklappe. Stiefel! Es waren rote Stiefel. Abgewetzte rote Cowboystiefel. Für einen Moment dachte ich, ich hätte nun endgültig den Verstand verloren und glaubte, mich in einem Western wiederzufinden. Der Schurke hatte mich aufgespürt und würde mich jeden Moment abknallen. Ich bin schuldig. Schuldig im Sinne der Anklage.

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