Ich bin die Grille

Noch ein Essay aus einem anderen Leben. Schön, dass er jetzt das Licht der Freiheit erblickt. Wurde aber auch Zeit!

Vor Kurzem beschwerte sich mein Sohn bei mir, dass er so viele regelmäßige Termine am Nachmittag hätte. Dabei hat er nur einen – Klavierunterricht. Aber er zählt den Förderunterricht und die Hausaufgaben mit und dadurch fühlt es sich für ihn so an, als würde sein Terminkalender überquellen.

Ich hörte mir das alles ganz in Ruhe an und sagte dann: “Auch wenn du es gerade noch nicht so empfindest. Aber vielleicht bist du wie die Fiedelgrille. Die spielt den ganzen Sommer auf ihrer Geige und alle anderen sagen zu ihr, sie soll nicht so faul sein und was arbeiten. Aber im Winter, wenn die Arbeit getan ist und alle dichter zusammenrücken, weil draußen der Wind so heftig bläst, da kommt der Auftritt der Grille. Dann fiedelt sie ihre schönsten Lieder, die sie den Sommer über geübt hat und erwärmt damit die Herzen der anderen.”

Somit hat jeder seine Aufgabe. Alles hat seine Berechtigung. Auch die Kunst. Sie ist nicht nur bloßes Beiwerk. Sie steckt in jedem von uns. Wir können uns ihr gar nicht entziehen. Das Tolle ist, dass es Menschen gibt, die sie für uns sichtbar machen. Auf jede erdenkliche Art und Weise. So wie die Grille uns die Musik näher bringt, kann ein Videofilmer am Straßenrand die schönsten Momente im hektischen Großstadtdschungel einfangen.

Ich weiß, dass mein Sohn die Musik liebt. Jedesmal, wenn Rockmusik in sein Ohr dringt, flippt er total aus. Er bewegt sich dann auf eine völlig abgefahrene Art und Weise im Takt der Musik und geht darin komplett auf. Eigentlich ist es egal, was für Musik es ist. Er kann nicht stillhalten und muss mitwippen, mit den Fingern schnipsen, mit den Beinen zappeln, den Kopf hin und her wiegen. In seiner kindlichen Unschuld weiß er noch nicht, dass zur Kunst auch Disziplin gehört. Am Üben und Ausprobieren kommt man nicht vorbei.

Und so geht es auch mir. Ich hadere im Moment mit mir, weil ich alles Kreative, das mir in den Sinn kommt, in Frage stelle. Ich vergleiche mich mit gestandenen Künstlern und den Werken, die schon vollendet wurden. Dabei vergesse ich völlig, dass alle einmal am Anfang standen und dass man Kunst nicht mit dem Blick auf den Erfolg erschaffen kann. 

Elizabeth Gilbert schreibt in ihrem Buch “Big Magic” darüber, wie befreiend es sein kann, seinen Zugang zur Kreativität wiederzufinden. Er ist nicht ausgerichtet am Erfolg, sondern an der Freude, die sie uns gibt.

Aber was macht man, wenn man zwar viele Zugänge zur Kreativität hat, aber nicht weiß, welchem man folgen soll? Ich kann mir so Vieles vorstellen und Keines richtig. Ich zeichne gern. Ich liebe es Collagen zu gestalten. Ich fotografiere gern. Ich liebe Filme und möchte gern noch mehr über ihre Entstehung wissen. Ich liebe Handlettering! Ich liebe es über Menschen, Ereignisse und Begegnungen nachzudenken und daraus Geschichten zu entwickeln.

Mir fällt ein Satz ein, der mir immer wieder im Kopf rumschwirrt und den die Nachbarin von Chris Kraus in einer Folge der Serie “I love Dick!” sagt: “Sie möchte gerne eine Künstlerin sein. Sie weiß nur noch nicht wie.” Eben diese Nachbarin kopierte dann heimlich die Liebesbriefe von Chris Kraus. Sie waren eigentlich an deren Dozenten gerichtet. Später hängte sie die Briefe überall in der Stadt auf und kreierte schlussendlich ein Theaterstück daraus.

Unser Umgang mit der Kunst und unsere Beziehung zu ihr hat Auswirkungen auf unsere Mitmenschen. 

Ich habe auch angefangen das Klavierspielen zu lernen. Am Anfang tat ich mich schwer. Die Gewohnheit fehlte und das kleine Kinder-Keyboard von meinem Sohn ist nicht gerade das, was man sich als Erwachsener als Übungsinstrument vorstellt. Aber es geht und wird immer besser. Vor allem macht es Spaß! Nächste Woche kommt dann das größere Exemplar – ein E-Piano. Das spare ich mir jetzt vom Munde ab. Aber das ist es mir wert. Wenn ich mir vorstelle, darauf zu spielen und dabei die Welt um mich herum zu vergessen, macht mich das schon jetzt unheimlich glücklich. Mein Sohn wird neben mir sitzen, da bin ich mir sicher. Sobald die ersten Töne erklingen, wird auch er auf dem E-Piano spielen wollen. Wahrscheinlich Rockmusik. Am Weihnachtsabend werden wir zusammen ein paar Lieder vortragen und die anderen verzaubern. Die Fiedelgrille und ihr Sohn.