Mein erster Essay entstand schon einige Jahre zuvor in meinem zweiten oder dritten (Katzen-)Leben, als ich noch mit meinem Ex-Mann verheiratet war. Und wie es oftmals so ist – manche Dinge brauchen Zeit. Eine Wassermelone zu gebären, passiert ja eher selten so nebenbei … Nun bin ich mittlerweile in meinem vierten Leben angekommen (dazu an anderer Stelle mehr) und endlich lass ich sie los … meine Worte … meine Gedanken, damit sie laufen lernen. Zu euch und in die Welt hinaus … Mir bleiben dafür noch fünf Katzenleben. Mindestens!
“Was machst du eigentlich den ganzen Tag?”, fragt mich mein Mann als er von der Arbeit nach Hause kommt. Jaa … das wusste ich bisher auch nicht so genau. Bis ich mich dabei mal genauer beobachtete.
Morgens ist noch alles frisch. Wenn die Kinder aus dem Haus gegangen sind und draußen der Tag langsam erwacht. An mir ist außer meinen Gedanken nichts frisch. Ich bin so müde, dass ich mich am liebsten wieder ins Bett legen würde. Aber das schlechte Gewissen hält mich davon ab. Ich sollte mich trotzdem hinlegen, denke ich. Mit so einem schwachen Geist und diesem schlaffen Körper bringst du eh nichts zustande. Aber ich lege mich nicht hin, sondern denke weiter nach. Darüber, wie ich mir selbst ein Schnippchen schlagen könnte. Wie ich einfach trotzdem wach bleiben und Höchstleistungen hervorbringen würde.
Und schon bin ich am Denken und Grübeln. Wie schaffe ich es heute mich selbst zu überlisten. um wenigstens ein paar der scheinbar viel zu hoch gesteckten Ziele zu erreichen? Ich mache mir einen Tee. Auf der Packung steht “Relax”. Schon wieder eine Aufgabe mehr, die mich unter Druck setzt. Während meine Haferflockensuppe auf dem Herd blubbert, ziehe ich mir einen Artikel von Autorin Gretchen Rubin über “Die vier Motivationstypen” rein. Fast hätte ich die Haferflocken vergessen. Ich kratze den zusammengeschrumpften Rest aus dem Topf und gebe noch etwas Hafermilch dazu … ein paar Chiasamen, Blaubeeren und Mandeln. Fertig. Sieht nach einer ausgewogenen Mahlzeit aus.
Im Hinterkopf klopft mein schlechtes Gewissen an. Du wolltest doch was schreiben? Nutze die Zeit! Aber ich kann, darf, will nicht. Etwas hält mich ganz stark davon ab. Aber was? Mein innerer Schweinehund? Die Angst vor dem Versagen? Die Angst vor dem Erfolg? Die Angst davor, dem falschen Ziel hinterher zu jagen?
Es ist schon zehn und immer noch keine Zeile geschrieben, kein Haushalt gemacht oder die Steuern erledigt. Was, wenn ich einem falschen Traum hinterherjage? Ich suche nach etwas, das mich erfüllt. In dem ich einen Sinn sehe, für mich und für andere. Aber etwas, das mir auch Spaß macht, das ich gern tue. Natürlich gibt es immer Nachteile oder weniger erfüllende Momente bei einer Sache, die man tun kann. Der entscheidende Faktor ist, dass man darin aufgehen kann, damit verschmelzen. Dass so viele Fähigkeiten und Interessen von mir wie möglich dabei zum Einsatz kommen. Aber das habe ich noch nicht gefunden.
Was ist es also, das ich hier auf dieser Welt tun kann? Was ist meine Aufgabe? Womit geht es mir gut? Mit welcher Tätigkeit kann ich mich abends zurücklehnen und sagen: “Ja, ich habe heute etwas Sinnvolles getan und es hat mir auch noch Spaß gemacht.” Muss es immer sinnvoll sein? Für mich schon, denke ich. Ich könnte mich wohl sonst nicht damit identifizieren und dann wäre ich nicht motiviert.
Schreiben kann etwas Sinnvolles sein. Aber ist es auch das Richtige für mich? Macht es mir genug Spaß oder langweile ich mich dabei? Warum will ich schreiben?
Ich erinnere mich an eine Szene aus einem meiner Lieblingsfilme – “Die WonderBoys”. Der Mann der Dekanin, ein Bestsellerautor, steht im Hörsaal am Rednerpult und doziert über das Schreiben. Er sagt: “Ich … bin ein Schreibender.“ Und James Leer, der hochbegabte Student von Literaturprofessor Grady Trip alias Michael Douglas, bekommt einen Lachanfall. Ich liebe diese Szene. Das Lachen des Studenten bringt Leichtigkeit in sie hinein und ihr wird der Ernst genommen.
Apropos, vielleicht ist das der Punkt. Vielleicht sollte ich mal mit weniger Ernst an die Sache rangehen. Aber was mache ich dann? Wenn man einen Mann hat, der Arzt ist und demnächst Chef einer Klinik werden möchte, kommt man sich doch ziemlich nutzlos vor, wenn man nichts Sinnvolles zu tun hat. Natürlich ist Kindererziehung und Haushalt machen wichtig. Nicht wahr? Aber was ich meine, ist eine Aufgabe darüber hinaus, an der ich wachsen kann und an der ich Freude habe. Eine andere Freude…
Es ist zwölf. Ich habe viel gedacht, zerdacht, bedacht, verdacht, nachgedacht, vorgedacht…und bin doch keinen Schritt weiter gekommen. Vielleicht brauche ich Ziele, eine Challenge, einen Rahmen. Möglicherweise bin ich nach Autorin und Podcasterin Gretchen Rubin eine “Rebellin” oder eine “Verpflichtende“. Es gibt noch die “Einhalterin” und die “Hinterfragerin”. Haha, da zähle ich mit ziemlicher Sicherheit nicht dazu. Oder?
Ich mache den von ihr entwickelten Test. Na, was bin ich? Ich bin eine “Verpflichtende”. Okay, das passt. Ohne Druck von außen geht auch bei meinen persönlichen Zielen nichts voran. Ich brauche also jemanden, dem ich Rechenschaft schuldig bin. Der mir sozusagen einen Tritt in den Hintern gibt. Na toll!
Es beginnt bereits zu dämmern und ich kann es kaum erwarten, dass die Nacht einsetzt. Denn dann ist für mich die Legitimation fürs Faulsein gegeben. Sandy Kominsky alias Michael Douglas in der Serie “The Kominsky Method” ist in Höchstform und ich bin bereit für ein launiges Ablenkungsmanöver. Bevor es morgen mit dem nötigen Ernst ans Eingemachte geht. Ich werde mal meinen Mann fragen, ob er mir von Zeit zu Zeit einen Tritt in den Hintern geben will. Ha!
Insofern hat das viele Denken ja schon was Sinnvolles gebracht. Wenn mich das nächste Mal jemand fragt, was ich beruflich mache, sage ich: “Von Beruf bin ich Denkerin.”

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